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Qualitativer Generationswechsel

Die Gesichter der Frau Q.


Da steht sie nun auf den Brettern, die die Welt bedeuten mit eingefallenen Wangen und etwas knitterigem, Brokatmantel wie die farblose Karikatur einer in die Jahre gekommen Diva. Und während Ihr Blick über die leeren Stuhlreihen und Emporen gleitet, wirkt sie ein wenig wie Napoleon vor Waterloo: die Qualität.

Dabei war sie das ultimative Hauptprodukt der Zivilisation, die Lichtgestalt alles Sinnvollen und Maß aller Dinge. Sie war die Dreifelderwirtschaft, die Mozartsonate und die Bauhausvilla . Sie war bescheiden, wertvoll und schnörkellos: der Edelstein, die Schönheit, das Meisterstück.

Ein leichter Windhauch streicht durch den Saal und lässt sie frösteln. Die Qualität schüttelt sich unwillkürlich, als wolle sie unliebsame Gedanken abschütteln. Sie ist mit den Jahren müde geworden. Ihr Blick schweift über den schweren Vorhang, der sich so oft für sie gehoben und gesenkt hatte, den Orchestergraben, aus dem sich selbst der leiseste Ton bis hinauf in die höchsten Ränge mit brillanter Klarheit getragen hatte, den Zuschauerraum mit seinen samtbezogenen Stuhlreihen, den Goldverzierungen und den Kristallleuchtern. Ungezählte Generationen von Baumeistern, Philosophen und Künstlern haben diesen Bau zu dem gemacht, was es heute ist: das perfekte Abbild der Welt, die ideale Opernbühne, das Theater des Lebens.

Das Bühnenbild mit untergehender Abendsonne und die spärliche Beleuchtung tauchen alles in eine unwirkliche, melancholische Dämmerstimmung. Die Qualität geht ein Stück bis zu einem schweren Ledersessel, ihre Schritte knarren über Mahagoni. Kein Scheinwerfer folgt ihr. Sie setzt sich, zündet sich graziös eine Zigarette mit Spitze an und nimmt einen tiefen Zug. Mit einem versonnenen Blick folgt sie den sich langsam auflösenden Rauchkringeln und lächelt. Hier, auf dieser Bühne der Welt, hatte sie vor unendlicher Zeit ihre ersten Erfolge gefeiert, hier hatte alles angefangen ...

    Funktionalität
    Bevor die Qualität als solche existierte, war das Leben noch kein Leben im eigentlichen Sinne. Eher Überleben. Von Nutzen war, was funktionierte. Ein Speer war gut, viele Speere waren besser. Das Huhn im Topf: dito. Was rollte, konnte schneller transportiert werden. Was schmeckte und bekam, wanderte baldmöglichst in den Mund oder den Korb. Ein unendlicher Hebel hätte die Welt aus den Angeln heben können. Wer aber am Hebel schnitzt, wird eine Bruchstelle ernten. Ohne Komma. Funktionalität ist unteilbar. Sie diktiert die Notwendigkeit der reinen Form. Die ganze Welt war Qualität und diese absolut. Alles andere: Untergang.

    Wert
    Als ein redlicher Mann eine Kuh gegen ein Schwein, das Schwein gegen eine Ziege, die Ziege gegen einen Hahn und den Hahn gegen einen Stein getauscht hatte, ging er vollends betrübt nach Hause und sprach viele Tage kein Wort. Das rührte seiner Frau dermaßen das Herz, dass sie den Stein nahm, ihn rieb und putzte, als edel deklarierte und den Wert erfand. Seither war Qualität wertvoll, relativ und universal. Das war auch die Zeit der Helden. Die dachten, die Welt wäre ein großer Selbstbedienungsladen. Sie zogen aus, um mehr davon zu finden, aber sie fanden nur das "terra incognita": Die Kartoffel, das Porzellan, Gewürze, Schießpulver - neue Erfahrungen, aber keine neue Qualität. Der heilige Gral blieb unerreicht.

    Luxus
    Dem Sinn folgte Unsinn. Das Rind zog nicht mehr nach Süden, sondern in den Stall. Schwere Zeiten für die Gerechtigkeit, gute Zeiten für die Moral. Die Lagerfeuer wanderten in die Tempel und die Wunder bekamen System. Wer mehr besaß, als er essen konnte, war nicht wohlhabend, sondern den Göttern nah, Glaube und Hoffnung für die anderen. Luxus bereichert, Minderheiten. Wenige können alles haben, in jeder Form, zu jeder Zeit. Die neue Qualität: Dekadenz im Überfluss. Sie ließen sich im Winter Trauben kommen und lauschten entspannt Neros Harfe, Galileos Widerruf und den einstürzenden Neubauten zu Babel.

    Handwerk
    War Qualität im Material noch absolut, so war sie in der Verarbeitung relativ. Überall wo Menschen innovativ um Verbesserung rangen, entstanden Produkte mit höherem Gebrauchswert. Der Stuhl, der Schemel, die Bank: ein klar definierter Zweck schaffte eine sinnvolle Lösung. Funktionalität war wichtig, die entscheidende Frage: Was kriege ich für mein Geld? Zeit wurde zum Maßstab und damit zum Wert. Gute Qualität war gutes Material und gute (weil aufwendige) Verarbeitung mit (langer) Erfahrung. Das Optimum: ewige Haltbarkeit bei ständiger Verwendung. Mindere oder schlechte Qualität: das Gegenteil. Ab dieser Zeit gab es eine Auswahl und damit Entscheidung. Begrenzt. Wer konnte, kauft das Beste.

    Kunst
    Mit der Manufaktur kam die Variante ins Spiel. Aus einem Stuhl wurden viele: mit Lehne oder schaukelnd, als Dreibein, klapp- oder drehbar, mit Holz, Metall, Leder oder Stoff, gepolstert oder für draußen. Funktionales musste nun auch schön sein. Bevor sich Kunst gänzlich in die Selbstständigkeit verabschiedete, hinterließ sie einen individuellen Fingerabdruck auf dem vormals nur Nützlichen. Nicht mehr nur Zweck, sondern Geschmack wurde zur Triebkraft. Und Qualität wurde teilbar. Sie bekam viele Gesichter. Aus Vielfalt wurde Mode und Zeitgeist eine Frage des Standes: Ich bin, was ich mir leisten will. Immer wieder gern genommen: Porzellangestalten, deren Qualität sich asymptotisch der Unendlichkeit näherten, mit reziprokem Nutzen. Helau.

    Norm
    Das Fließband bescherte Masse. Der Wert verlor, der Mehrwert gewann und bildete den Preis. Der Markt entstand und damit Entscheidungsnotstand. Zu viel Vergleichbares. Der Markt reagierte mit Unvergleichbarem: neue Normen. Als England deutschen Importen den Warnhinweis "Made in Germany" aufzwang, konterten diese mit einer bis dahin neuen Qualität: dem Standard. Aber der Standard verlor sich in Funktionalen, dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Er war unauffällig, gewissenhaft und schnörkellos, quasi dem Sinn geschuldet. So notwendig er war, so wenig wurde er geliebt. Das Ego verlangte nach Besonderem, nach Individualität.

    Marke
    "Cognito ergo sum" hieß es zum Thema "Sein" jahrzehntelang in philosophischen Freizeitzirkeln. Aber: Wer eine Geschichte hat, einen Namen und ein Gesicht, der lebt auch, irgendwie. Die Marke war geboren. Was als Produktinformation begann, hatte sich schnell zum Eigenleben verselbständigt. Ob "Meister Propper" oder "Marlboro-Man", "Herr Kaiser" oder der "Wüstenrot-Fuchs": Nicht mehr mit Nützlichem, Sinnvollen, Modernem oder Schönen wollte man sich schmücken, sondern mit dem Schein vermeintlicher Eigenschaften. Dazugehören oder strikte Ablehnung : Es zählten Clubgefühl und der Ruf der Zielgruppe. Eine virtuelle Qualität entstand. War die Qualität der Marke stabil, war dies für das Produkt nicht mehr nötig. Verkehrte Welt.

Die Qualität schüttelt gedankenverloren den Kopf. Sie drückt die Zigarette aus, erhebt sich würdevoll, verneigt sich vor dem unsichtbarem Publikum und verlässt erhobenen Hauptes die Bühne. Auf dem Weg zu ihrer Garderobe, schweift ihr Blick über die anderen Türen. Auf allen steht QUALITÄT. "Zu viele Schwestern," denkt sie und seufzt hörbar. "Aber wenigstens bleiben wir im Gespräch, irgendwie."



Text: Tom Maercker | Illustrationen: Nette Brandstäter

     
 

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