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Qualitativer GenerationswechselDie Gesichter der Frau Q.
Bevor die Qualität als solche existierte, war das Leben noch kein Leben im eigentlichen Sinne. Eher Überleben. Von Nutzen war, was funktionierte. Ein Speer war gut, viele Speere waren besser. Das Huhn im Topf: dito. Was rollte, konnte schneller transportiert werden. Was schmeckte und bekam, wanderte baldmöglichst in den Mund oder den Korb. Ein unendlicher Hebel hätte die Welt aus den Angeln heben können. Wer aber am Hebel schnitzt, wird eine Bruchstelle ernten. Ohne Komma. Funktionalität ist unteilbar. Sie diktiert die Notwendigkeit der reinen Form. Die ganze Welt war Qualität und diese absolut. Alles andere: Untergang. Wert Als ein redlicher Mann eine Kuh gegen ein Schwein, das Schwein gegen eine Ziege, die Ziege gegen einen Hahn und den Hahn gegen einen Stein getauscht hatte, ging er vollends betrübt nach Hause und sprach viele Tage kein Wort. Das rührte seiner Frau dermaßen das Herz, dass sie den Stein nahm, ihn rieb und putzte, als edel deklarierte und den Wert erfand. Seither war Qualität wertvoll, relativ und universal. Das war auch die Zeit der Helden. Die dachten, die Welt wäre ein großer Selbstbedienungsladen. Sie zogen aus, um mehr davon zu finden, aber sie fanden nur das "terra incognita": Die Kartoffel, das Porzellan, Gewürze, Schießpulver - neue Erfahrungen, aber keine neue Qualität. Der heilige Gral blieb unerreicht. Luxus Dem Sinn folgte Unsinn. Das Rind zog nicht mehr nach Süden, sondern in den Stall. Schwere Zeiten für die Gerechtigkeit, gute Zeiten für die Moral. Die Lagerfeuer wanderten in die Tempel und die Wunder bekamen System. Wer mehr besaß, als er essen konnte, war nicht wohlhabend, sondern den Göttern nah, Glaube und Hoffnung für die anderen. Luxus bereichert, Minderheiten. Wenige können alles haben, in jeder Form, zu jeder Zeit. Die neue Qualität: Dekadenz im Überfluss. Sie ließen sich im Winter Trauben kommen und lauschten entspannt Neros Harfe, Galileos Widerruf und den einstürzenden Neubauten zu Babel. Handwerk War Qualität im Material noch absolut, so war sie in der Verarbeitung relativ. Überall wo Menschen innovativ um Verbesserung rangen, entstanden Produkte mit höherem Gebrauchswert. Der Stuhl, der Schemel, die Bank: ein klar definierter Zweck schaffte eine sinnvolle Lösung. Funktionalität war wichtig, die entscheidende Frage: Was kriege ich für mein Geld? Zeit wurde zum Maßstab und damit zum Wert. Gute Qualität war gutes Material und gute (weil aufwendige) Verarbeitung mit (langer) Erfahrung. Das Optimum: ewige Haltbarkeit bei ständiger Verwendung. Mindere oder schlechte Qualität: das Gegenteil. Ab dieser Zeit gab es eine Auswahl und damit Entscheidung. Begrenzt. Wer konnte, kauft das Beste. Kunst Mit der Manufaktur kam die Variante ins Spiel. Aus einem Stuhl wurden viele: mit Lehne oder schaukelnd, als Dreibein, klapp- oder drehbar, mit Holz, Metall, Leder oder Stoff, gepolstert oder für draußen. Funktionales musste nun auch schön sein. Bevor sich Kunst gänzlich in die Selbstständigkeit verabschiedete, hinterließ sie einen individuellen Fingerabdruck auf dem vormals nur Nützlichen. Nicht mehr nur Zweck, sondern Geschmack wurde zur Triebkraft. Und Qualität wurde teilbar. Sie bekam viele Gesichter. Aus Vielfalt wurde Mode und Zeitgeist eine Frage des Standes: Ich bin, was ich mir leisten will. Immer wieder gern genommen: Porzellangestalten, deren Qualität sich asymptotisch der Unendlichkeit näherten, mit reziprokem Nutzen. Helau. Norm Das Fließband bescherte Masse. Der Wert verlor, der Mehrwert gewann und bildete den Preis. Der Markt entstand und damit Entscheidungsnotstand. Zu viel Vergleichbares. Der Markt reagierte mit Unvergleichbarem: neue Normen. Als England deutschen Importen den Warnhinweis "Made in Germany" aufzwang, konterten diese mit einer bis dahin neuen Qualität: dem Standard. Aber der Standard verlor sich in Funktionalen, dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Er war unauffällig, gewissenhaft und schnörkellos, quasi dem Sinn geschuldet. So notwendig er war, so wenig wurde er geliebt. Das Ego verlangte nach Besonderem, nach Individualität. Marke "Cognito ergo sum" hieß es zum Thema "Sein" jahrzehntelang in philosophischen Freizeitzirkeln. Aber: Wer eine Geschichte hat, einen Namen und ein Gesicht, der lebt auch, irgendwie. Die Marke war geboren. Was als Produktinformation begann, hatte sich schnell zum Eigenleben verselbständigt. Ob "Meister Propper" oder "Marlboro-Man", "Herr Kaiser" oder der "Wüstenrot-Fuchs": Nicht mehr mit Nützlichem, Sinnvollen, Modernem oder Schönen wollte man sich schmücken, sondern mit dem Schein vermeintlicher Eigenschaften. Dazugehören oder strikte Ablehnung : Es zählten Clubgefühl und der Ruf der Zielgruppe. Eine virtuelle Qualität entstand. War die Qualität der Marke stabil, war dies für das Produkt nicht mehr nötig. Verkehrte Welt. Die Qualität schüttelt gedankenverloren den Kopf. Sie drückt die Zigarette aus, erhebt sich würdevoll, verneigt sich vor dem unsichtbarem Publikum und verlässt erhobenen Hauptes die Bühne. Auf dem Weg zu ihrer Garderobe, schweift ihr Blick über die anderen Türen. Auf allen steht QUALITÄT. "Zu viele Schwestern," denkt sie und seufzt hörbar. "Aber wenigstens bleiben wir im Gespräch, irgendwie." Text: Tom Maercker | Illustrationen: Nette Brandstäter |
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